Frau Wellensiek, es gibt Menschen, die an Krisen und hohen Belastungen zerbrechen, und solche, die selbst widrigste Situationen unbeschadet überstehen. Man spricht bei diesem Phänomen von Resilienz. Was bedeutet Resilienz und was umfasst Resilienz?
Im Verständnis der Forschung bezeichnet Resilienz die Fähigkeit eines Systems, von außen oder innen kommende Irritationen auszugleichen oder ertragen zu können, ohne dabei großen Schaden zu nehmen. Im besten Fall setzt der Konflikt, oftmals eine Veränderung einhergehend mit Verknappung von Ressourcen, neue Kräfte frei, um kreative Lösungsstrategien zu entwickeln. Es ist ein Synonym für Widerstandskraft, Belastungsfähigkeit und gleichzeitiger Flexibilität – umschreibt also die wunderbare Fähigkeit von uns Menschen, sich mit Mut und Lebensvertrauen Krisen zu stellen. Durch alle Hochs und Tiefs hindurch können wir an schwierigen Situationen wachsen und persönlich reifen. Das Besondere der Resilienz ist der proaktive Blick sowie der Fokus auf Ressourcen und Möglichkeiten statt auf Defizite. Insofern hat jeder Mensch resiliente Fähigkeiten, die es zu entdecken, anzuwenden und auszubauen gilt. Wichtig ist zu wissen: Resilienz ist nicht angeboren, aber erlernbar – auch im Erwachsenenalter.

Können Führungskräfte sich diese Fähigkeit der Widerstandskraft aneignen? Kann das jeder Menschentyp? Und welche psychischen und körperlichen Voraussetzungen sind dazu notwendig?
Wie gesagt, Resilienz ist keine Eigenschaft, die uns von Geburt an in die Wiege gelegt wurde. Sie ist vielmehr eine Veranlagung, die bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt ist, aber aktiv angestoßen und gestärkt werden kann. Die US-amerikanischen Psychologen und Resilienz-Forscher Reivich und Shatté haben sieben Faktoren postuliert, die Menschen besonders befähigen, Veränderungen besser bewältigen zu können. Diese »sieben Säulen« stellen nach Ansicht der Wissenschaftler tragfähige Eigenschaften dar, um Krankheiten, Verluste Überbelastungen und Probleme im Privat- wie im Berufsleben gut zu meistern: Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, Verlassen der Opferrolle, Übernahme von Verantwortung, Netzwerkorientierung und Zukunftsplanung. Auf den ersten Blick mag diese Aufzählung banal klingen. Jedoch handelt es sich bei diesen verschiedenen Eigenschaften um die sieben wichtigsten Fähigkeiten, um mit schwierigen Umständen zurechtzukommen und im besten Fall sogar an ihnen zu wachsen. Man könnte diese »sieben Säulen der Resilienz« vergleichen mit Standbeinen, auf denen Menschen sicher durch Krisen wandern. Je mehr Standbeine sie entwickelt haben, desto fester stehen sie im Leben und geraten nicht ins Wanken. Eine fundierte, nachhaltige Resilienzentwicklung hat weniger mit konkreten Verhaltensregeln zu tun. Ein Patentrezept gibt es leider nicht. Vielmehr ist die eigene innere Haltung ausschlaggebend. Das Ausmaß einer Krise oder Belastung hängt eben stark von den Gedanken und Emotionen einer Person ab. Insofern ist Resilienztraining immer auch Persönlichkeitsentwicklung. Conclusio: Sie selbst haben Ihre Resilienz in der Hand.

Resilienz scheint ein Karrierefaktor in der heutigen volatilen Unternehmenswelt zu sein. Wie gelingt es mir als Führungskraft meine seismografischen Antennen für die Krisen und Umbruchsituationen meiner Mitarbeiter zu schärfen und diese angemessen zu begleiten?
Im wirtschaftlichen Kontext wird deutlich, dass Resilienz – sowohl die individuelle Fähigkeit als auch das organisationale Vermögen – in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. Hierbei ist es entscheidend, dass das Thema Resilienz strategisch und konsequent in die Unternehmenskultur (durch Vorträge, Seminare, Trainings und Gesprächsrunden) integriert wird. Als Führungskraft zeige ich gegenüber meinen Mitarbeitern ein resilientes Verhalten, indem ich selbst auf mich und meine Ressourcen achte und um meine Leistungsgrenzen und Prioritäten weiß. Ich muss zunächst selbst ein Verständnis von der sorgfältigen Pflege meines eigenen Energiehaushalts gewinnen. Nur dann kann ich beim Anderen die Symptome einer Überforderung erkennen und wahrnehmen. Aufmerksame Führung besteht zum Großteil aus Beziehungsmanagement und aus emotionaler Intelligenz. Sie zeigt sich in der Bereitschaft, miteinander ins Gespräch zu kommen, sich offen und ehrlich auszutauschen und vor allem Wertschätzung und Anerkennung  dem Mitarbeiter entgegenzubringen. Das hilft schon, um das Stressempfinden deutlich abzusenken. Von Beginn einer Zusammenarbeit braucht es aber vor allem eine achtsame, begleitende Führung, in der sich alle Beteiligten offen und frei über Ziele und Ressourcen austauschen können. Diese Art von Führung findet aber leider noch immer viel zu selten statt. Das heutige Management braucht aber diese Dimension von Führung in der Resilienzförderung.

Was erwartet die Teilnehmer in Ihrem zweiteiligen Seminar »Resilienz-Training für Führende“ und welche konkreten Nutzen nehmen sie für ihren Führungsalltag mit?
Im Resilienz-Training lernen die Teilnehmer zu allererst, sich Schritt für Schritt selbst besser wahrzunehmen und ihre Verhaltensweisen genauer zu verstehen. Dabei beleuchten sich ihre bisherigen Gefühls-, Denk- und Handlungsmuster und überprüfen diese auf ihren Gehalt und ihre Wirkung. Sie stecken sich klare Ziele und lernen, sie durch kleine, realistische Schritte zu verwirklichen. Fundierte Verhaltensänderungen basieren zunächst auf dieser kontinuierlichen Arbeit an sich selbst in kleinen Schritten. Weiterführend stellen sie ihre Grundeinstellung zu anderen Menschen und zu ihrer eigenen Umgebung auf den Prüfstand und entwickeln diese weiter. Zudem wird den Teilnehmern ein leicht anwendbares Instrument an die Hand gegeben, um die Belastbarkeit der einzelnen Mitarbeiter differenziert einschätzen zu können. Darauf aufbauend lernen sie, wie sie ihre Mitarbeiter angemessen unterstützen und begleiten können, um ein Gleichgewicht zwischen Belastung und Erholung zu finden. Schlussendlich geht es darum, die Mitarbeiter stark zu machen durch eine konstruktive Selbststeuerung. 

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Christina Kral-Voigt, Kundenberatung und Salesmanagement