Interview mit Günter Hudasch

Herr Hudasch, wie definieren Sie das wissenschaftlich fundierte Konzept MBSR (englisch: mindfulness based stress reduction) nach Professor Dr. Jon Kabat-Zinn?
MBSR wurde Ende der 1970er Jahre entwickelt und ist mittlerweile in mehreren hundert Studien untersucht, zumeist in den USA und in Europa. Es ist damit wohl das am besten untersuchte Trainingsprogramm der Welt. Der Grund dafür ist, dass es ein strukturiertes Programm ist und sich damit für Wiederholungen eignet, die man für wissenschaftliche Untersuchungen braucht. Es wurde an einer medizinischen Hochschule entwickelt und von Beginn an wurde die Wirkung erforscht. Im Kern ist MBSR ein Lernprogramm, bei dem man durch verschiedene Meditationsformen zunächst Konzentration übt und dann die Wahrnehmung von Körper, Gefühlen und Gedanken schult, ohne das Wahrgenommene zu bewerten. Man trainiert damit eine Fähigkeit, die als Achtsamkeit bezeichnet wird. Diese Wahrnehmungen sind für uns ja normalerweise handlungsleitend und das auf eine häufig automatische Art und Weise. In den Übungen wird trainiert, diesen Automatismus zu bemerken und zu unterbrechen. Damit erhöhen wir unsere Freiheitsgrade in der Wahrnehmung, im Denken, Verstehen und Handeln.

Worauf beruht die Wirkung der Methode der achtsamkeitsbasierten Stressminderung? Und bei welchen Krankheiten und Symptomen sind Veränderungen zu beobachten?
Tatsächlich ist eine Wirkung der Achtsamkeitsübungen von allen Seminarteilnehmern erlebbar und messbar, zum Beispiel gibt es eine Senkung des Blutdrucks, eine Verbesserung des Schlafs oder das Verschwinden von Kopfschmerzen. Es zeigen sich deutliche Verbesserungen beim Umgang mit schwierigen Ereignissen, mit Ängsten, mit Ärger oder auch mit Trauer oder Verlust. Man hat u. a. nachgewiesen, dass täglich 30 Minuten Achtsamkeitsmeditation die Reaktion des Körpers auf Stress deutlich reduzieren und zudem viel weniger Stresshormone ausgeschüttet werden. Die Fähigkeit, sich zu entspannen und abzuschalten, nimmt zu. Außerdem sind Sie präsenter, authentischer und direkter im Kontakt mit sich und den Menschen um Sie herum.

Welche praktischen Übungen erlernen die Teilnehmer in Ihrem Seminar »Praxis der Achtsamkeit« und gehen Sie auf die persönlichen Situationen der Teilnehmer ein, bieten Sie individuelle Präventionsmaßnahmen?
Es gibt einen ganzen Strauß von sehr unterschiedlichen Übungen. Dazu gehören längere Meditationsübungen im Liegen, im Gehen, im Sitzen, in der Bewegung. Es gibt kurze Achtsamkeitsübungen, die sich während des Tages einschieben lassen. Die Übungen unterscheiden sich auch darin, worauf genau die Aufmerksamkeit gerichtet wird. Ein wichtiger Punkt bei diesen Übungen ist der gemeinsame Austausch. Meistens geschieht das vor der Gruppe, denn es ist wichtig, die Erfahrungen anderer kennen zu lernen, um den eigenen Erlebnishorizont dadurch zu erweitern. In der Regel wird es also ein Coaching vor der Gruppe sein. Sofern das Bedürfnis besteht, das ein oder andere Thema unter vier Augen zu besprechen, wird es dazu sicher eine Möglichkeit geben.

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Christina Kral-Voigt