Interview mit Dr. Oliver Ernst

Sollen Manager sich mit Systemtheorie beschäftigen?


Herr Dr. Ernst, Unternehmen und Organisationen sind in den letzten Jahren nicht nur komplizierter, sondern komplexer geworden. Warum sollen sich Manager unter dem Aspekt der Komplexität mit Systemtheorie beschäftigen? Was können Sie daraus lernen?

»Unsere Welt – das ist schon fast ein Treppenwitz der Print- und Internetmedien –  wird immer komplexer und unübersichtlicher. Durch die Digitalisierung werden Routineprozesse zwar vereinfacht, doch durch die zunehmende Möglichkeit ihrer Verknüpfung und Vernetzung steigt die Anfälligkeit, den Überblick zu verlieren. Umgang mit Komplexität ist das bestimmende Thema von Führung in den letzten zehn Jahren und wird uns noch viel intensiver für alles Kommende beschäftigen. Unübersichtlichkeit, Unsicherheit, schwierige Marktzyklen und mangelnde Interpretierbarkeit von Entwicklungen in der Wirtschaftswelt werden die Themen sein, denen sich Führungskräfte widmen müssen. Die Systemtheorie und in ihre praktische Ausformung als systemische Organisationsberatung kann dabei helfen, Komplexität zu analysieren und diese wirkungsvoll zu reduzieren.«

Welches Organisationsbild steht hinter der Systemtheorie?
»Ohne zu abstrakt zu werden, sind Organisationen zunächst einmal soziale Gebilde, die versuchen bestimmte Probleme zu lösen. Man kann zwar Unternehmen als Spezialfall einer Organisation im klassischen Maschinenmodel als Instrument zur Maximierung von Gewinnen betrachten, das ermöglicht aber nicht, der sich stetig erhöhenden Binnenkomplexität Herr zu werden. Organisationen im systemischen Verständnis sind spezielle soziale Gebilde. Sie zeichnen sich durch Autpoiese (Selbsterschaffung) aus, d.h. Organisationen erbringen Lösungen zu Problemstellungen außerhalb ihres Selbst und ermöglichen dadurch ihre eigene Existenz. Sie sind darüber hinaus, wie es die Systemtheorie beschreibt, operational geschlossen; das bedeutet, dass es eine klare Unterscheidung zwischen dem sogenannten System und seiner Umwelt gibt, also zwischen innen und außen. Diese Grenzziehung führt dazu, dass Systeme nur sehr selektiv oder gar nicht wahrnehmen, was in der Umwelt passiert. Die systemische Perspektive auf Organisationen geht im klaren Unterschied zu einer maschinistischen Vorstellung davon aus, dass es nicht steuerbar ist, was für einen Output Organisationen haben, da sich die inneren Zustände einer Organisation in einem permanenten Wandlungsprozess befinden.«

Und wie kann Systemdenken, also ganzheitliches Denken, zur kollektiven Einsicht an der Führungsspitze werden?
»Organisationen haben die Eigenschaft, an ihren Routinen, Prozessen und Strukturen festzuhalten. Das führt regelmäßig dazu, dass Organisationen Entwicklungen in der sie mitbestimmenden Umwelt gar nicht zur Kenntnis nehmen können oder sie in ihr Handeln nicht integrieren. Systemisches Denken in Organisationen kann dabei helfen, Prozesse innerhalb und außerhalb von Organisationen auszubalancieren, die »blinden Flecken« einer Organisation zu identifizieren und bisher nicht erkannte Chancen und Handlungsmöglichkeiten deutlich zu machen.«

Für welche Managementherausforderungen bietet die Theorie hilfreiche Ansätze?
»Eine fruchtbare Anwendung kann eine systemisch fundierte Sicht auf die Organisation in allen Belangen haben. Das Tagesgeschäft verlangt von allen Ebenen der Organisation situative Entscheidungen, die allerdings wiederum in eine langfristig abgesicherte Strategie eingebettet sein müssen. Gleichzeitig sollen Rahmenbedingungen entwickelt werden, welche die interne Struktur berücksichtigen. Für dieses Spannungsfeld sind systemische Perspektivierungen auf Organisationen prädestiniert. Mithilfe systemischer Ansätze können Vernetzungen und Rückbezüglichkeiten der verschiedenen Unternehmensprozesse analysiert und daraus Steuerungsmaßnahmen abgeleitet und angewandt werden.« 

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Christina Kral-Voigt, Kundenberatung und Salesmanagement