Autor

Dr. Claudio Weiß

Selbstständiger Trainer, Coach und Berater, Entwickler von psychologisch-diagnostischen Tools für berufliche Orientierung und Erfüllung

FachartikelWertekompetenz - die kulturelle Führungskompetenz im 21. Jahrhundert

Menschen, Teams, Organisationen, Länder und Kulturen »ticken| sehr unterschiedlich und oft aneinander vorbei. Kein Wunder also, dass die Wertediskussion zurzeit wieder verstärkte Popularität erfährt. Infolgedessen müssen sich auch Führungskräfte (wieder) mehr mit den individuellen Werten ihrer Mitarbeiter und ihres Umfelds beschäftigen. Aus einem wohlverstandenen Eigeninteresse heraus, aber vor allem um das ihnen Gemeinsame aus dem voneinander Unterschiedlichen zu finden.

Werte leiten uns, wenn wir etwas, zum Beispiel ein Produkt, oder jemanden, zum Beispiel einen Mitarbeiter, beurteilen, eine Entscheidung (für eine bestimmte Strategie o.a.) treffen oder ein Budget verabschieden. Sie wirken aus dem Hintergrund und sind uns dabei meist gar nicht bewusst. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn wir alle und immer mit den gleichen Werten unterwegs wären. Sind wir aber nicht – und schon gar nicht in unseren multidisziplinär und multikulturell zusammengesetzten Arbeitsteams! Dies führt immer wieder zum Aufeinanderprallen von Welten, gefolgt von Nicht-Akzeptanz des Gegenübers und kostspieligen Störungen der Zusammenarbeit.

Wertekompetenz ist mehr als Werte zu haben!
Wir alle haben Werte und das gilt selbstredend auch für Führungspersonen. Genügt es, Werte zu haben, um mit Werten zu führen? Bei weitem nicht! Wertekompetenz entsteht erst dann, wenn man mit ganz unterschiedlichen Werten auch angemessen umgehen kann. Wie bringt man beispielsweise in eine Geschäftsleitungsrunde Kohärenz hinein, in der bürokratische Beamte, kampfeslustige Krieger, versierte Verkäufer, empathische Coaches und kreative Spinner an einem Tisch sitzen? Wie soll man zwischen Team-Mitgliedern mit diametral entgegengesetzten Ansichten vermitteln? Wie soll ein kosmopolitisch geprägter Großstadt-Marketingspezialist einer ländlichen, heimat- und traditionsverbundenen Zielgruppe gerecht werden?

Wertewelten (»Meme«) – Hilfe für die neuen Manager
Hier schafft ein übergeordnetes Modell von Wertewelten Abhilfe, das die verwirrende Vielfalt von Sichtweisen und Wertehaltungen in acht übersichtliche Cluster, sogenannte Werte-»Meme«, gliedert. Die acht »Meme« bauen aufeinander auf und folgen dabei einer allgemein menschlichen Entwicklungslogik. Alle acht »Meme« tragen zur Lebensqualität bei und sind von daher wertvoll. Alle acht »Meme« kennen allerdings nicht nur Leben fördernde, sondern auch »krankhafte«, Leben schädigende Ausdrucksformen. Die acht »Meme« sind vergleichbar einer Raumschiffperspektive auf unsere Erde, die unterschiedliche Klima- und Vegetationszonen sichtbar macht. Eine solche Perspektive lässt verstehen, welche mentalen Programme die Gedanken und Handlungen von Menschen steuern, baut kommunikative Brücken, über die man sie erreichen kann und generiert Ideen, wie man sie alle konstruktiv für den Erfolg eines Projektes oder Unternehmens einbinden kann. Tools und Tipps zur praktischen Anwendung stehen dafür bereit.

»Meme« und das gelingende Leben

Je mehr Farben ein Maler zur Verfügung hat, desto buntere Bilder kann er erschaffen. Je mehr Töne ein Komponist zur Verfügung hat, desto reichere Melodien kann er erfinden. Genauso gilt: Je mehr »Meme« in einem menschlichen Unterfangen zum Einsatz kommen, desto eher kann es gelingen.

Ein eindrückliches Beispiel dafür war der erste Besuch von Menschen am Südpol. Der Brite R. F. Scott und der Norweger R. Amundsen lieferten sich 1912 einen erbitterten Wettlauf, wer als erster Mensch den Südpol erreichen sollte. Scott setzte ausschließlich auf ein »Mem«, trieb seine Männer mit eiserner Härte an und appellierte an ihren Willen, für den Ruhm des British Empire zu kämpfen. Auch Amundsen hatte dieses »Mem« in seinem Arsenal, aber ergänzt durch ein zweites – der emotionale Zusammenhalt seines Teams, einschließlich der Schlittenhunde, war ihm heilig – und noch ein drittes – schweren Herzens töteten die Männer ihre vierbeinigen Kameraden auf halbem Weg von der Antarktisküste zum Südpol. Am Rückweg vom Südpol war das zurückgelassene, tiefgekühlte Hundefleisch eine kräftigende und eiweißreiche Nahrung für die von der Expedition geschwächten Männer, so dass sie es schafften, das Schiff an der Küste zu erreichen. Auch Scott schaffte es, wenn auch 35 Tage nach Amundsen, bis zum Südpol vorzudringen, aber auf dem Rückweg starben er und alle seine Männer an Unterernährung, Krankheit und Unterkühlung. Amundsen verfügte über die höhere Wertekompetenz.