100 Jahre Anschütz & Schloss Lautrach

1921 erwirbt Hermann Anschütz-Kaempfe, promovierter Kunsthistoriker und Erfinder des Kreiselkompasses, das Schloss.

 

Besuch des Geschäftsführers, Herrn Michael Schulz

Er lässt es aufwändig renovieren, überträgt es als Schenkung auf die Ludwig-Maximilians-Universität München und macht es 1922 zu einer Begegnungsstätte für Wissenschaftler, Künstler und Nobelpreisträger. Neben Albert Einstein zählen u.a. die Wissenschaftler Karl von Frisch, Arnold Sommerfeld, Heinrich Wieland, Wilhelm Wien, die Maler Raoul Frank und Olaf Gulbransson, der Dirigent Hans Knappertsbusch zu den namhaften Gästen. Verschiedene Details des Schlosses wie z. B. das schmiedeeiserne Einfahrtstor, das 1889 auf der Weltausstellung in Paris gezeigt wurde, spiegeln noch heute die Persönlichkeit Anschütz-Kaempfes, seine künstlerischen Vorlieben und wissenschaftlichen Interessen wider.

 

Nun sind 100 Jahre vergangen, seit Hermann Anschütz-Kaempfe Schloss Lautrach erworben hat. Anlässlich dieses Jubiläums besuchte uns Herr Michael Schulz, Geschäftsführer der Raytheon Anschütz GmbH, auf Schloss Lautrach und überreicht der Hotelleiterin Frau Beate Bruchmann eine Urkunde

 

Geschichten hinter der Geschichte

Hermann Hubert Josef Anschütz, später Anschütz-Kaempfe. geboren am 3. Oktober 1872 in Zweibrücken/Pfalz – Studium der Medizin – Adoption durch seinen Onkel, den Kunsthistoriker Dr. Kaempfe – Kunstreisen, Promotion über venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts – Begegnung mit dem Polarforscher und Maler Julius von Payer, Teilnahme an Nordpolexpeditionen, Plan einer U-Boot-Expedition an den Nordpol (1958 durch das amerikanische Atom-U-Boot USS Nautilus verwirklicht), erste Pläne zum Ersatz des üblichen Magnetkompasses – 1903 wegen aufgebrauchtem Vermögen Offenbarungseid vor dem Königlichen Amtsgericht in Kiel – 1904 Patentanmeldung für den ersten Kreiselkompass, Kreiselapparat DRP Nr. 182855– 1905 Gründung einer eigenen Firma „Anschütz & Co.“ in Kiel zur Durchsetzung und Verbreitung seiner erfinderischen Ziele – 1907 Konstruktion des ersten Einkreiselkompass – 1908 Verwendung des Kreiselkompasses auf dem Linienschiff „SMS Deutschland“ – 1909 Bezug des neuen Werkes in Neumühlen bei Kiel – 1912 Entwicklung des Mehrkreiselkompasses unter Verwendung auf dem Schlachtkreuzer „Moltke“ und bald auch auf Handelsschiffen – 1913 Scheidung von seiner ersten Frau Elisabeth, geb. Treischke – 1916 Rückkehr als Privatgelehrter nach München – 1914 Rückzug aus der Geschäftsleitung der Firma Anschütz – 5. Januar 1915 erstes Zusammentreffen mit Albert Einstein im Rahmen des um die Entwicklung des Kreiselkompasses entbrannten Patentprozesses gegen Elmer Ambrose Sperry – 1916 Tod der zweiten Ehefrau Tico Mewes – 1919 am 12. März Heirat mit Margareta „Reta“ Stöve, Errichtung einer Forschungsstiftung („Anschütz-Stiftung“) an der Ludwig Maximilians Universität München in Höhe von einer Million Goldmark – 1921 Erwerb von Schloss Lautrach, Renovierung und so genannte „Fakultätssitzungen“ mit Nobelpreisträgern und illustren Gästen, wie sie auch in seinem Münchner Haus in der Leopoldstraße stattfanden  – 1925 Produktion des nach langen Jahren entwickelten „Anschütz-Zweikreisel-Kugelkompasses“ – 1930 Übertragung der Mehrheitsanteile der Firma „Anschütz & Co.“ auf die Carl-Zeiss-Stiftung – 6. Mai 1931 Tod in München – 1995 endgültige Übernahme der Firma Anschütz & Co. durch den amerikanischen Rüstungs- und Elektronikkonzern Raytheon Company, 1998 umbenannt in Raytheon Marine GmbH – weltweit sind gegenwärtig etwa 4000 Kreiselkompasse im Einsatz.

 

Ich konnte das verbockte Instrument nicht mehr sehen. Hermann Anschütz-Kaempfe über den von ihm entwickelten Kreiselkompass

 

Obwohl Anschütz erst Medizin und dann Kunstgeschichte studiert und über die venezianischen Maler des 16. Jahrhunderts seine Dissertation geschrieben hatte, erkannte er als wahres Multitalent eine Alternative zum Magnetkompass in Gestalt eines schnell rotierenden Kreisels, dessen Achse sich aufgrund rein mechanischer Effekte parallel zur Erdachse ausrichten würde, somit der Magnetfelder entbehren und auch im Bauch eines U-Boots die richtige Richtung weisen könnte. Da die Kostenschätzungen der Kruppschen Germaniawerft in Kiel für ein polartaugliches U-Boot abschreckend hoch ausfielen, konzentrierte sich Anschütz Kaempfe vorerst ganz auf den Kreiselkompass, erhielt 1904 sein erstes Reichspatent und beeindruckte mit seiner Erfindung des Kaisers schimmernde Wehr, deren Admirale mit dem Magnetkompass als Navigationshilfe nicht mehr auskamen. Die großen eisernen Schiffe, die zudem durch immer mehr elektrische Anlagen und zugehörige Kabel voll gestopft wurden, bildeten für einen Magnetkompass ein äußerst irritierendes Umfeld, auch wenn er ganz oben auf der Brücke installiert war, ganz zu schweigen von den U-Booten. Den romantischen Erfinder Anschütz Kaempfe begrüßten die Admirale als ihren Retter aus der Kompass-Kalamität und ermutigten ihn zur Gründung einer Firma, die 1905 in Kiel erfolgte und fortan die Marine mit ihren Kreiselkompassen versorgte. Albrecht Fölsing, Albert Einstein

 

Anschütz ist ein vollkarätiges Glückskind. Wenn er mir sagte, er werde mit sechs Lipizzanerhengsten zum Nordpol fahren, so werde ich es für möglich halten. Ihm gelingt alles! Julius von Payer, österreichisch-ungarischer Polar- und Alpenforscher, nach einem Vortrag von Anschütz zu dessen geplanter Nordpolexpedition vor der K.K. Geographischen Gesellschaft in Wien, 16. Januar 1901

 

Was kostet ein Kreisel-Kompass? Das kommt auf seine Vollständigkeit an. Der Kompass ist ja kein Einzelstück, sondern eine Mutter mit vielen, vielen Töchtern. Ein vollständiger Kompass kostet etwa 20 - 30 000 M. Hermann Anschütz-Kampfe, 1929

 

Weit über die Person hinaus ist der Fall Einstein zu einer Frage der gesamten Nation geworden. Wir haben uns dabei nicht mit der Relativitätslehre zu beschäftigen. Nicht damit, ob Einstein ein noch in Jahrhunderten leuchtender Stern am wissenschaftlichen Himmel ist oder ob seine Lehre vor den rauen Tatsachen verblassen und von ihnen hinweggespült werden wird. Diese Untersuchung müssen wir der Zeit und den Gelehrten überlassen. Was uns politisch betrifft, ist die Schmach, dass ein Mann der Wissenschaft von den Radau-Antisemiten angepöbelt wird, dass er seine Studien in Deutschland nicht fortsetzen kann und deshalb sein Vaterlang voll Ekel zu verlassen gezwungen ist. Schleswig-Holsteinische Volkszeitung, 3. September 1920

 

Wissen Sie schon, dass ich für die Universität hier in nächster Nähe Ihrer Heimat ein verträumtes altes Schloss erworben habe, das allen Freunden von der philosophischen Fakultät in erster Linie offen stehen soll. Da dürfen Sie nicht fehlen. Wir wollen im nächsten Sommer womöglich im August, wenn es meine Arbeit zulässt, zum ersten Mal dorthin. Die Gegend ist so unbereist vom Berliner, wie es in Bayern nur denkbar ist. Schloss und Grund ist in Lautrach bei Memmingen. Hermann Anschütz-Kaempfe, An Albert Einstein, 16. Dezember 1921

 

Auch ich freue mich auf den nächsten Sommer, der uns Ihren und Ihrer Gattin Besuch bringen soll, Ihre Vizemutter Reta Anschütz Nachtrag zu einem Brief von Hermann Anschütz-Kaempfe, An Albert Einstein, 10. Oktober 1920

 

Und nochmals schade, dass Sie mit Ihren Buben nicht zu Besuch zu uns kommen können. Bitte, sagen Sie ja denselben, dass wir sie im Herbst erwarten in Lautrach, sie sollen sich rechtzeitig anmelden, unsere Adresse ist vom September ab: Stat. Lautrach (bei Memmingen) Schloss Hermann Anschütz-Kaempfe, An Albert Einstein, 15. Juli 1922

 

Bin seit 3 Tagen hier u. fahre am 1. wieder südlich. Am 3. bin ich in Lautrach. Wann kommen die Buben u. wann kommen Sie? Das nützt nichts, wenn es auch gegen Ihr fatalistisches Gefühl geht, ich muss es wissen, weil das Auto Sie in Memmingen erwarten muss. Hermann Anschütz-Kaempfe, Aan Albert Einstein, 20. Juli 1924

 

Hoffentlich ist es in Lautrach auch so, dass sich all die wissenschaftlichen Männer erholen können. Die haben es eigentlich nötiger als unsereiner, der nur arbeitet, wenn er Lust hat bzw. wenn ihn der Rappel packt. Albert Einstein, An Hermann Anschütz-Kaempfe, 4. August 1925

 

Sehr verehrter Prof. Einstein! Wir hatten immer sehr gehofft, Sie wieder einmal in Lautrach zu sehen. Da wollte ich Ihnen auch ein von Ihnen vergessenes Büchlein geben. Leider ließen Sie Lautrach ganz im Stich. Reta Anschütz, An Albert Einstein, 15. Oktober 1926

 

Also sitz´ ich kummervoll´
Weiss nicht, was ich klagen soll
Immer bleibt der Schlossherr heiter
Brennt die Sonn´ auch immer weiter.
Trotz der vielen Professoren
Stirnenrunzelnd, weltverloren
Die stets Weisheit von sich geben
Dass es schier nicht zu erleben.
Ob salopp und wasserscheu
Oder höflich und gar scheu
Oder geistig überfüttert
Jede andre wär´ erschüttert.
Doch der Hausfrau ohne Scheu
Ist dies alles einerlei
Füttert ihrer Lieben Schar
Und mokiert sich wunderbar
Neckt die Buben, schwimmt geschwind
Halb schon Hausfrau, halb noch Kind
Paradiesisch! O Verdruss
Dass ich schon von hinnen muss.
Albert Einstein, Eintragung im Lautracher Gästebuch von Hermann Anschütz- Kaempfe (in der Haussprache als „Beschwerdebuch“ bezeichnet), 16. August 1923

 

Spürt man in Lautrach den Magen brennen / Soll mans beim rechten Namen nennen. / Doch der Professor hat andre Witterung, /Schiebt es auf „geistige Überfütterung“ Arnold Sommerfeld, Erwiderung auf Albert Einsteins Gedicht im Lautracher Gästebuch, 14. Juni 1924

 

Also auch in Lautrach rasten / Nimmermehr des Bauherrn Pläne / Von dem Keller bis zum Giebel / Von dem Goldgrund zur Fontäne. / Heil dem Schlossherrn, heil der Schlossfrau / Heil den großen Zukunftswerken! / Möge Glauben und Gelingen / Hier wie dort die Bauherrn stärken! Arnold Sommerfeld, An Albert Einstein und Hermann Anschütz-Kaempfe, während des Baus von Einsteins Sommerhaus in Caputh, wahrscheinlich Spätsommer 1930

 

Unerwartet ist am sechsten Mai, Nachmittag fünf Uhr, infolge eines Herzschlages Hofrat Prof. Dr. phil. H.c. Hermann Anschütz-Kaempfe, Ehrenbürger der Universität München und Ehrendoktor ihrer philosophischen Fakultät gestorben. Im Jahre 1873 geboren, hat er nicht ganz das Alter von neunundfünfzig Jahren erreicht. Er war in glücklicher Ehe mit Frau Margarete, geb. Stöve vermählt,. Dr. Anschütz, eine ungemein liebenswürdige, vornehme und dabei doch bescheidene Persönlichkeit, war einer der bedeutendsten Gelehrten und Erfinder unserer Zeit. M.N.N., Nachrichten aus dem Kreise, Mai 1931